Ein Literatur-Pionier der Neuen Welt
Tom Sawyer ist der Ur-Yankee, Huckleberry Finn begründet den amerikanischen Roman, und ihr Autor versucht, mit seinem eigenen Erfolg Schritt zu halten. Eine literarische Abenteuergeschichte
Von Michael Köhlmeier
Kein Buch habe ich öfter gelesen als «Tom Sawyers Abenteuer» – allein in meiner Kindheit an die zehn Mal. Es war das erste Buch, das ich las – in den Ferien – , und als ich es fertig hatte, begann ich von vorne und das immer wieder, bis die Schule im Herbst diesem süchtig unheimlichen Nicht-Leben ein Ende setzte. Einen Sommer lang hatte ich in dem kleinen Ort St. Petersburg am Mississippi gelebt, hatte mich zwischen seinen Menschen bewegt – Tante Polly, Muff Potter, Richter Thatcher, Indianer Joe, Ben Rogers, Joe Harper, die Witwe Douglas – , hatte mich in ihrer Welt mehr zu Hause gefühlt als in der Straße, in der ich und alle meine Freunde wohnten, hatte die Beschreibung dieser Welt nicht als eine ironische, satirische erkannt, sondern als eine realistische angenommen, in der Träume und Aberglaube so real waren wie das Anstreichen von Zäunen oder der Besuch einer Sonntagsschule.
Huckleberry Finns Abenteuer las ich erst später; die Leihbibliothek unserer Gemeinde führte den Titel nicht. Das Buch lag als Weihnachtsgeschenk unter dem Christbaum, mein Vater sagte, es sei von den beiden das bessere. Ich las gierig – und war enttäuscht.
Nicht weil ich den Protagonisten nicht mochte – ganz im Gegenteil! – , auch nicht, weil ich irritiert war, dass Huck seine Geschichte selbst erzählte und nicht ein gewisser Mark Twain; sondern weil ich in Hucks Abenteuern einen anderen Tom kennen lernte. Als ich Toms Buch las, hatte ich an seine Träume geglaubt und hatte nicht gezweifelt, dass auch er daran glaubte; und ich hatte an meine eigenen Träume geglaubt, zu denen er mich animierte. Die Erzählungen seines Freundes Huckleberry machten mir schmerzhaft klar, dass es zwei Kategorien von Menschen gab: solche, die träumten, ohne so richtig an diese Träume zu glauben, und noch solche, die unter eben diesen Träumen zu leiden hatten.
Dreißig Silberlinge für den Verrat an der Phantasie
Als am Ende von Hucks Buch der entflohene Sklave Jim von gefährlich empörten Bürgern in einen Schuppen gesperrt wird, beschließt Tom, ihn zu befreien. Huck soll ihm dabei helfen. Sie graben in mühsamer Tag- und Nachtarbeit ein Loch unter der Tür hindurch. Das wäre nicht nötig. Es ginge leichter. Man könnte mit ein wenig Geschick einfach die Tür öffnen. Aber Tom will unbedingt der Dramaturgie europäischer Schauerromane folgen. Dort stehe zu lesen, wie man Gefangene zu befreien habe. Huck kann nicht lesen, er hat keine Ahnung, was Lesen bedeutet. Er bewundert Tom und glaubt ihm. Außerdem schüchtert ihn Tom ein, indem er seine abergläubischen Ängste schürt. Dann aber erfahren wir, was Tom längst weiß, nämlich, dass Jim von seiner Besitzerin schon vor Wochen in die Freiheit entlassen worden ist. Es wäre Toms Verpflichtung, dies zu melden. Die Bürger halten den «Nigger» nämlich für einen Entflohenen und außerdem für einen Mörder. Es besteht höchste Gefahr, dass Jim gelyncht wird. Tom nimmt die Möglichkeit eines katastrophalen Ausgangs in Kauf, er verheimlicht die Wahrheit, weil er wenigstens für ein paar Tage auf seiner Romantik bestehen möchte, an die er selbst gar nicht mehr glaubt.
Das verbitterte mich. Da wusste ich, der ich Jim über 300 Seiten lieb gewonnen und inzwischen schon andere Bücher gelesen hatte, dass Tom nicht wie Don Quixote, sein Verwandter im Geiste, bereit war, für seine heiligen Träume auf die Wirklichkeit zu verzichten, die Wirklichkeit durch den Traum zu ersetzen, sondern dass er sich mit einem billigen Als-ob zufrieden gab; dass er nie ganz an seine Träume um Ivanhoe oder den Grafen von Monte Christo geglaubt hatte, dass er sie als Unsinn und Auswüchse einer hysterischen Phantasie durchschaute und nur noch ein bisschen mit ihnen spielen wollte. Hucks lakonischer Kommentar: «Tom gab Jim vierzig Dollar, weil er so geduldig unser Gefangener gewesen war und seine Sache so gut gemacht hatte.» Für Jim war es kein Spiel gewesen, und vierzig Dollar, das sind gerade um zehn mehr als dreißig Silberlinge.
Ich habe viele Jahre nicht mehr in den «Tom Sawyer» geschaut und nur noch den «Huckleberry Finn» gelesen.
Literatur macht Krieg
Der Süden der Vereinigten Staaten sei vor 1861 (vor dem Beginn des Bürgerkrieges) «Walter-Scott-Land» gewesen – damit meinte Mark Twain, die Geisteshaltung der Staaten unterhalb der Mason-Dixon-Linie sei eine durch und durch romantische gewesen, die ihre Energie und Attraktivität vornehmlich aus den Romanen von Walter Scott bezog; eine Geisteshaltung, die bei den Menschen aller gesellschaftlichen Schichten, ja, selbst bei den Sklaven, die Sicht auf die Dinge, die Weltzusammenhänge und das Leben bis in die Tagesabläufe hinein bestimmte. Tatsächlich kann man sich heute nur schwer vorstellen, dass Romanliteratur einen solchen kollektiven Wahn auszulösen vermag. Mark Twain gibt in einer ironischen Übertreibung den Scott’schen Romanen die Schuld am Bürgerkrieg, weil sie die ohnehin zweifelhaften Ideale seines Landes zu stählernen Sturheiten geschmiedet hätten, untergangssüchtig, verliebt in die Niederlage als den wahren moralischen Sieg. Der große Mann des Nordens, Abraham Lincoln, sah eine der Ursachen des Krieges ebenfalls in einem Roman, nämlich in «Onkel Toms Hütte», der die Schande des Rassismus ins Land und in die Welt posaunt hatte. Im ersten Jahr des Bürgerkriegs soll er die Autorin Harriet Beecher-Stowe empfangen und sie mit den Worten begrüßt haben: «So this is the little lady who started this big war.»
Elf Jahre nach Ende des Bürgerkriegs erschien «Tom Sawyers Abenteuer». Wenn man die Verheerungen bedenkt, die dieser Krieg in vier Jahren angerichtet hat – und zwar ausschließlich in den konföderierten Staaten – , wundert man sich, dass in dem Buch so wenig Spuren davon zu finden sind. 650.000 Tote waren zu beklagen, der Süden war zerstört, wirtschaftlich, politisch und psychologisch. Eine Welt war untergegangen. Den Menschen war der Stolz, der Glaube, die Vergangenheit genommen. Davon erfahren wir aus den Erzählungen über Tom und Huck nichts.
Kinder ohne Vater und Mutter
Gut, Mark Twain erzählt von seiner eigenen Kindheit und Jugend, und die erlebte er vor dem Krieg in der kleinen Stadt Hannibal am Ufer des Mississippi. Aber er ist ein zu politischer Kopf, ist zu tief in seiner Gegenwart verwurzelt, zu gewissenhaft der Gegenwart verpflichtet, als dass er sich mit einer nostalgischen Idylle zufrieden gegeben hätte. Tom ist Waise. Über seine Eltern wird geschwiegen, über ihr Leben ebenso wie über die Umstände ihres Todes. Tom wächst bei seiner Tante Polly auf. Auch Huck hat keine Mutter. Sein Vater ist ein Gescheiterter, der sich nicht – oder nicht mehr – in die Gesellschaft einzugliedern vermag. Was war im Leben dieser Menschen geschehen? Mark Twain konnte sich darauf verlassen, dass seine amerikanischen Leser aus ihren eigenen Erfahrungen ergänzten, was er aussparte, dass sie in ihre Zeit übertrugen, was aus einer anderen Zeit stammte.
Nach dem Krieg hatte es Heere von herumirrenden Kindern gegeben. Aller Schrecken hatte sich im Süden abgespielt; auf dem Gebiet der Union hatten ja so gut wie keine Kämpfe stattgefunden. Wer sich nicht mit dürren Daten zufrieden geben will, lese «Tales of Soldiers and Civilia» von dem bei uns viel zu wenig bekannten Ambrose Bierce, der an diesem Krieg auf Seiten der Union teilgenommen und in alptraumhaften Bildern davon berichtet hat, Bildern, die man nicht mehr vergisst, weil sie in den Nächten wiederkehren. Vielleicht ist Tom – in einer anachronistischen Verdrehung – eines dieser Kinder, die im Krieg Vater und Mutter verloren haben, die stumm und taub, die Augen aufgerissen, weil die Lider ihren Dienst versagen, zwischen Trümmern gefunden wurden. Sieht Hucks Vater nicht den vielen Veteranen ähnlich, denen der Krieg den Kopf verrückt hat, weil sie alles gesehen und alles verloren haben. Er, der sonst so viel redet, erzählt nichts von seiner Frau, nichts von Hucks ersten Jahren. Unsere kleinen Helden sind ohne Vergangenheit, ohne Erinnerungen, sie starten von einer tabula rasa aus in ihr Leben – was natürlich nicht heißt, dass ihre Chancen gleich sind.
Seither sind die vernachlässigten oder gar elternlosen Kinder ein Topos in der amerikanischen Literatur, von Henry James’ traumatisierten Kindern und William Dean Howells’ Aufsteigertypen, nicht zu vergessen die «Nick Adams»-Stories von Ernest Hemingway, bis zu Walt Disneys Bildergeschichten, in denen es keinen einzigen Vater, keine einzige Mutter, sondern nur Onkel und Tanten gibt.
Eine literarische Antwort auf Jean-Jacques Rousseau
Abraham Lincoln, dessen Wahl zum Präsidenten einen Großteil der Südstaaten zum Austritt aus der Union veranlasste, hatte die Abschaffung der Sklaverei als Hauptziel des Krieges definiert. Damit war für die Abtrünnigen nicht nur der weltanschauliche, sondern vor allem der ökonomische Grund für den Krieg gegeben, denn die Wirtschaft des Südens basierte auf der Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung. Was übrigens die Intellektuellen in eine schizophrene Situation zwang, denn sie waren sich durchaus bewusst, dass ihr Dasein mit den hehren Forderungen der Aufklärung, die man sich schließlich auch auf die schön wallenden Fahnen heften wollte, gewiss nicht in Einklang zu bringen war. Thomas Jefferson hat das bereits hundert Jahre vor dem Krieg in ein eindrückliches Bild gefasst: «Wir reiten den Tiger und können uns weder ewig im Sattel halten noch absteigen. Auf der einen Waagschale liegt die Gerechtigkeit, auf der anderen die Selbsterhaltung.» Aus diesem Konflikt flohen die Menschen in die Traumwelten eines Walter Scott oder eines Alexandre Dumas, in denen so zweifelsfrei vorgeführt wurde, was Ehre, was Edelmut, was Gerechtigkeit, und vor allem, was gottgewollter Platz in der Gesellschaft war. Die Menschen taten, als ob die Tragödie ihres Daseins Literatur wäre, gewogen und gesteuert von einem allwissenden Autor. Sie wollten literarische Gestalten sein – nein, sie wollten so tun, als ob sie welche wären.
Gegen diese Haltung schrieb Mark Twain an. Der kleine Außenseiter Huckleberry Finn, ungebildet und nicht einmal besonders vif, ist die pragmatische amerikanische Antwort auf die Philosophie eines Jean-Jacques Rousseau; er enttarnt mit seinen unprätentiösen Erzählungen all die hehren Worte als Ideologie: verlogen, intolerant, weltfremd, mörderisch.
Die Alternative? Aus dem Norden spricht mit hoher, fanatischer Fistelstimme der arbeitssüchtige, geldgierige, puritanische Yankee. Er predigt Freiheit. Aber Freiheit ist ein zweischneidiger Begriff – ein romantischer, ja; aber eben auch ein ökonomischer, wie Marx analysierte, nämlich im Sinne von: frei über seine eigene Arbeitskraft verfügen zu dürfen – das heißt: sie verkaufen zu müssen, um zu leben. Viele der befreiten Sklaven zogen in den Norden, in der Hoffnung, dort ein Leben frei von Rassismus führen zu können. Sie gliederten sich in das Proletariat der Städte ein, bildeten nicht selten die industrielle Reservearmee, die den Kapitalisten gerade recht kam, weil sie auf die Löhne drückte. Die Alternative zur Sklaverei war nicht die Freiheit, sondern die freie Lohnarbeit.
Tom, ein Gentleman aus dem Süden
Tom Sawyer repräsentiert den Süden, den «Virginier» – dies ist die satirische Absicht seines Schöpfers. Diese Absicht, weil ich sie nicht durchschaute, hatte mich als Kind verwirrt. Satire als ein Instrument des Moralisten spielt immer mit der Frage: Was wäre wenn? Und: Wie könnte es weitergehen? So vielleicht: Tom wird erwachsen werden und auf seine Träume, auch auf die bösen, wie auf seine Enkel schauen, milde, kopfschüttelnd. Er wird, gefragt nach seiner Herkunft, nicht Mark Twains, seines Schöpfers Urteil über das Land am Ufer des Ol’ Man River zitieren, sondern vielleicht James Fenimore Cooper, einen eingefleischten Yankee, der in großzügiger Siegerpose verkündete: «Was Kultur und Bildung angeht, sind die Gentlemen aus dem Süden allen anderen überlegen.» Man ist kein Gentleman des Südens mehr, weil es «den Süden» nicht mehr gibt, aber man lässt gern einfließen, dass man von denen da unten abstammt.
Ja, Tom wird sich ohne Zweifel dem siegreichen Norden anschließen, weil der Norden für Vernunft steht und weil er viele Chancen bereithält, und weil, was dort Chancen heißt, sich spielend in Geld umrechnen lässt. Tom wird mit einem Schulterzucken den elegischen Pessimismus des Südens verraten und wird sich den Glanz heroischer Niederlagen lieber im Kino ansehen wollen. Tragödie gibt vielleicht der Seele Zucker, aber nur vorübergehend und nur, wenn sie nicht gleich den ganzen Mann erfasst – vom «Großen Gatsby» will man lesen, aber sein möchte man doch lieber ein anderer, nämlich am besten keine literarische Figur. Tom Sawyer hat sich von Mark Twain emanzipiert, indem er sich in die Realität und damit in die Bedeutungslosigkeit verabschiedete.
Und was wird aus Huckleberry Finn werden? Ein alkoholsüchtiger underdog wie sein Vater? Oder wird er das Angebot der Gesellschaft, ein gut gekleideter, anständiger junger Mann zu werden, nun doch annehmen? Wohl eher nicht. Seine letzten Worte: «Tante Sally will mich adoptieren und gesittet machen, und das halt ich nicht aus.»
Der Manipulator und der Pragmatiker
Es gibt zwei Episoden, eine in Toms Buch, eine in der Geschichte, die uns Huck erzählt, die miteinander im Vergleich stehen und nach Mark Twains Absicht wohl auch im Vergleich stehen sollen: die beiden Abenteuer auf der Jackson Insel. In der ersten Episode wird von Tom, Huck und Joe Harper berichtet, die von zu Hause abgehauen sind und sich auf der Insel im Mississippi verstecken. Tom erfährt, dass die Buben im Ort für tot gehalten werden, man meint, sie seien ertrunken; und er erfährt, dass am Sonntag eine Totenmesse für sie geplant ist. Was für ein großer Triumph! Vor der ganzen Stadt will Tom seine – vor allem seine – Wiederauferstehung feiern! Als Sieger will er in der Kirche einziehen. Ganz im Einklang mit den Träumen und Ideologien des glorreichen Südens sieht er im Heldentod den größten Ruhm. Aber er will beides, Ruhm und Leben. Das Leben ist pragmatisch, und das ist gut so. Er tut so, als ob er tot wäre. Er will die Trauer der anderen genießen, ihre Trauer ist der Maßstab für seinen Ruhm. Was nützt der Ruhm, wenn man ihn nicht genießen kann. Gern lassen wir jemand anderen an unserer Statt sterben. Warum nicht das Phantom unserer selbst?
Huck macht sich aus dem ganzen Theater naturgemäß nicht viel. Er hat niemanden, der um ihn trauern würde. Er versteht nicht, warum einer für tot gehalten werden will, wenn er dann doch nicht für tot gehalten werden will. Ruhm bedeutet ihm nichts. Damit konnte ihn Tom nie locken. Er fürchtet sich vor Geistern und Gespenstern, vor Warzen und vor dem Teufel. An dieses überirdische Zeug glaubt Tom nicht oder doch nur wenig. Er erpresst seinen Freund, indem er Spukgeschichten erfindet. Tom versteht sich auf die Kunst, Menschen zu führen, zu lenken – zu manipulieren.
Huck erzählt uns in seiner Geschichte, dass er sich ebenfalls auf die Insel geflüchtet und dass auch er den eigenen Tod inszeniert hat. Aber er wollte für tot gehalten werden und zwar ein für alle Mal. Er wollte seinem Vater entkommen und allen Nachstellungen des zivilisierten St. Petersburg. Er wollte vergessen werden. Endgültig. Er schlachtete ein Schwein, tauchte seine Jacke in das Blut, riss sich Haare aus und streute sie darüber. Er, der immer schon außerhalb der Gesellschaft stand, hat mit allem gebrochen. Er tat sich zusammen mit Jim, dem entflohenen Sklaven. Auf dem Mississippi fuhren sie aus der Welt hinaus – direkt in unsere Herzen.
Nein, Huck eignet sich nicht für Satire, für Träumereien und romantischen Kitsch schon gar nicht. Obwohl ihn durch jede Stunde seines Lebens der Aberglaube treibt, bleibt er ein Pragmatiker; vielleicht gerade deshalb: gegen die Nacht gibt es nur ein Mittel – den Tag. Und so verdankt die amerikanische Literatur diesem dreizehnjährigen Jungen Huckleberry Finn ihre Existenz. Das wussten die Schriftsteller, längst bevor es Ernest Hemingway aussprach.
«Es ist alles ein grotesker und törichter Traum»
An seinem Lebensende war Samuel Langhorne Clemens, alias Mark Twain, der bekannteste amerikanische Schriftsteller. Die Leser liebten ihn, die Kollegen schätzten ihn. G. B. Shaw war überzeugt, «dass der zukünftige Geschichtsschreiber Amerikas Ihre Werke ebenso unentbehrlich finden wird wie ein französischer Geschichtsschreiber die politischen Abhandlungen Voltaires»; Rudyard Kipling versah Twains Namen mit dem Attribut «göttlich» und erklärte ihn zum Verwandten von Cervantes (was eine Steigerung darstellt); selbst der mieselsüchtige Knut Hamsun, der ihn etwas herablassend einen «genialen Spaßmacher» nannte, beneidete ihn um das Talent der paradoxen Komik (etwa so: «Der Mann war so klein, dass er auf einen Stuhl steigen musste, um sich am Kopf zu kratzen»).
Twains privates Leben aber lag in Trümmern. Ein unternehmerisches Abenteuer, nämlich die Beteiligung an einem Verlag, ging schief, was ihn zwang, ausgedehnte Lesereisen durch die ganze Welt zu unternehmen. Noch einmal wollte er an den Erfolg seiner Kindheitssaga anknüpfen und schrieb die Nachfolgeromane «Tom Sawyer Abroad» und «Tom Sawyer Detective», schwache Bücher, mit denen er den literarischen Ruhm seines Helden aufs Spiel setzte. Am Ende war er einsam und bitter. Zwei seiner Töchter waren gestorben, ebenso seine Frau. Die Gestaltung seines Nachruhms aber wollte er nicht anderen überlassen. Er engagierte einen Biografen und diktierte ihm seine Lebensgeschichte. Er, der aufgeklärte Demokrat, der überzeugte Anti-Romantiker, der große Sänger der amerikanischen Idee, hadert darin mit seinem Land, zweifelt an den Hoffnungen, die er einst in das industrielle Zeitalter gesetzt hatte, beschimpft seine Freunde, verzweifelt am Leben. In seiner letzten Erzählung «Der geheimnisvolle Fremde» (veröffentlicht erst sechs Jahre nach seinem Tod) lässt er den Protagonisten sagen: «Es gibt keinen Gott, kein Weltall, kein Menschengeschlecht, kein irdisches Leben, keinen Himmel, keine Hölle. Es ist alles ein Traum – ein grotesker und törichter Traum. Nichts existiert, nur du.»
Mark Twain starb am 21. April 1910 in seinem Haus in Redding, Connecticut. Er wurde fünfundsiebzig Jahre alt.
Michael Köhlmeier, 1949 in Hard/Vorarlberg geboren, ist Schriftsteller und Musiker. Sein Jahrhundertroman «Abendland» (siehe Literaturen 11/2007) stand 2007 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Zuletzt erschien der Roman «Idylle mit ertrinkendem Hund» (2008)
Mit freundlicher Genehmigung von Literaturen.
Quelle: Literaturen, Heft 3/2010





