Der Autor, Herausgeber und Übersetzer Alexander Pechmann über Mark Twain

"Jungs wie mich gibt’s nicht alle Tage", schrieb Mark Twain wenige Monate vor seiner Hochzeit an seine Verlobte, Olivia Langdon. "Wir sind überaus selten. Wir sind eine Art menschliche Jahrhundertpflanze, & wir blühen nicht in jedem Vorgarten."

Dass diese Selbsteinschätzung keineswegs übertrieben war, konnte Mark Twain mit einem recht eindrucksvollen Lebenslauf beweisen: Er wurde am 30. November 1835 unter dem Namen Samuel Langhorne Clemens in Florida, Missouri, geboren und wuchs unter recht ärmlichen Bedingungen in Hannibal, Missouri, auf, die er später in seinen Romanen um Tom Saywer und Huckleberry Finn so eindrücklich schilderte. Nach dem frühen Tod seines Vaters, eines Juristen, der sich in verschiedenen Berufen durchgeschlagen hatte, musste Sam Clemens mit dreizehn Jahren die Schule verlassen und begann eine Druckerlehre. Erste Humoresken erschienen in der Zeitung seines älteren Bruders Orion, doch der junge Sam hatte andere Pläne: Er wollte nach Südamerika auswandern und als Koka-Bauer ein Vermögen machen! Ein Fünfzig-Dollar-Schein, den er zufällig auf der Straße fand, war seine Starthilfe, die ihn immerhin bis nach New Orleans brachte. Der Traum vom großen Geld und schwunghaften Kokainhandel endete etwas verfrüht, doch bot der große Mississippi reichlich Platz für neue Träume. Sam wurde von dem erfahrenen Lotsen Horace Bixby als Lehrjunge aufgenommen, lernte alles über die Tücken des veränderlichen Flusses und die imposanten Schaufelraddampfer, die ihn schon als Kind in Hannibal fasziniert hatten.

Der amerikanische Bürgerkrieg unterbrach die vielversprechende Lotsenkarriere, doch gelang es Sam Clemens, der sich eher aus Zufall als aus Überzeugung der Union angeschlossen hatte, den blutigen Schlachtfeldern geschickt auszuweichen. Dabei lernte er, nach eigenem Bekunden, mehr über militärische Rückzüge als der Mann, der den Rückzug erfunden hat. Er trat so bald wie möglich aus der Armee aus und folgte seinem Bruder Orion nach Nevada, wo er sich mit gemischtem Erfolg als Silbergräber und Reporter versuchte. Die haarsträubenden Übertreibungen in den Zeitungsartikeln, die er unter seinem neuen Pseudonym "Mark Twain" veröffentlichte, wurden oft für bare Münzen genommen – man glaubte die Geschichten über versteinerte Menschen und grausige Massaker, ohne sie als gelungene Satiren auf Leichtgläubigkeit und andere allzumenschliche Untugenden zu erkennen. Neben konventionellen Zeitungsberichten und drastischen Satiren schrieb Twain auch etliche literarische Skizzen, die auf persönlichen Begegnungen oder Folklore basierten und den typischen Erzählmustern der amerikanischen Grenzer und Glücksritter entsprachen. Im Jahr 1865 erschien seine an den Lagerfeuern der Goldgräber aufgeschnappte Geschichte über den "berühmten Springfrosch von Calaveras", der sämtliche Hüpfwettbewerbe gewinnt, in einem New Yorker Magazin. Eine erste Buchveröffentlichung mit humorvollen Erzählungen folgte, doch erst seine teils amüsanten, teils sozialkritischen Reportagen aus San Francisco und Hawaii verhalfen Twain zum Durchbruch. Insbesondere in seinen "Briefen aus Hawaii" zeigte er ein einzigartiges Talent als ebenso genauer wie origineller und respektloser Beobachter, der sich für die Königsfamilie der Sandwich-Inseln ebenso interessiert wie für die Katzenkompanien von Honolulu.

Die Abenteuer unter wilden Insulanern und einfältigen Missionaren boten Mark Twain reichlich Stoff für eine außerordentlich erfolgreiche Vortragsreihe, die ihm sogleich einen neuen, lukrativen Auftrag bescherte. Er sollte den Dampfer "Quaker City" auf seiner Fahrt nach Europa und zu den bunten Häfen des Mittelmeers begleiten. Seine Schilderung einer amerikanischen Pilgerfahrt ins Heilige Land, "Die Arglosen im Ausland" (1869), wurde zum Bestseller. Weitere erfolgreiche Reisebücher und Vortragsreisen folgten.

Das wohl wichtigste Erlebnis während der ersten Europareise war allerdings die Bekanntschaft mit Charles Langdon und eine ganz besondere „Sehenswürdigkeit“: Der Anblick einer Photographie von Langdons Schwester Olivia! Mark Twain verliebte sich Hals über Kopf in dieses Bild von einer Frau, doch erst nach rund zweihundert Liebesbriefen und einem halben Dutzend gescheiterter Heiratsanträge durfte er seinen "kostbaren Schatz" zum Altar führen.

Olivia "Livy" Langdon blieb fast vierzig Jahre lang der vielgeliebte und vergötterte Mittelpunkt in Mark Twains Leben – nicht nur als Ehefrau und Mutter seiner Kinder, sondern auch als strenge Lektorin. Der bis heute erfolgreiche Roman "Tom Sawyers Abenteuer" (1876) ist Livy gewidmet, ohne deren Interesse an Twains Kindheitserinnerungen das Buch wohl nie geschrieben worden wäre. Mit "Huckleberry Finns Abenteuer" (1885) gelang ihm ein weiteres unvergessliches Werk, von dem, wie Ernest Hemingway einmal bemerkte, die ganze moderne amerikanische Literatur abstammt.

Finanzielle Misserfolge, leichtsinnige Spekulationen und persönliche Schicksalsschläge prägten Mark Twains Spätwerk. Nach dem Tod seiner Tochter Susy und seiner geliebten Frau Olivia schrieb er ebenso pessimistische wie hellsichtige Essays und Erzählungen über den unverbesserlichen Hang des Menschen zur Selbstzerstörung, über religiöse Heuchelei, Scheinmoral und die ewige Gier nach Macht und Geld. „Die Güte Gottes erlaubte es“, schrieb Mark Twain in einem seiner letzten Bücher, "Reise um die Welt" (1897), "dass wir in unserem Land drei unschätzbare Reichtümer haben: die Freiheit der Sprache, die Freiheit des Gewissens – und die Klugheit, diese Freiheiten niemals anzuwenden." Er starb am 21. April 1910 und ist bis heute einer der weltweit bekanntesten und beliebtesten amerikanischen Schriftsteller geblieben.


Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, studierte Soziologie, Psychologie sowie  englische und amerikanische Literaturwissenschaft. Er arbeitet als Autor, Herausgeber und Übersetzer und übertrug u. a. Werke von Herman Melville, Mary Shelley und W. B. Yeats ins Deutsche. Seine Bibliothek der verlorenen Bücher (2007) wurde in mehrere Sprachen übersetzt.
Er ist Herausgeber des kürzlich erschienenen Bandes "Sommerwogen. Eine Liebe in Briefen". Außerdem ist er Übersetzer und Herausgeber von Twains "Post aus Hawaii".