Das Haus der Familie Clemens in Hartford, Connecticut
(c) Corbis

Mark Twain, der Amerikaner

Bei aller Weltläufigkeit und Phantasie – der Wilden Westen war des Schriftstellers ständiger Begleiter: von Carson City nach Venedig und zum Artushof

 

Von Ronald Düker

 

Amerika ist ein Waisenkind, das sich, als es groß und stark werden wollte, eine Geschichte erfunden hat. Diese Geschichte handelt vom Wilden Westen, einem gefährlichen Land, durch dessen heldenhafte Unterwerfung und Besiedelung die Nation zu sich gekommen sei. Dabei ist der Gründungsmythos Amerikas im Grunde nichts als ein Fortsetzungsroman. Schon die pilgrim fathers waren schließlich nicht vom Himmel gefallen; sie mussten denselben Ozean überqueren wie alle, die später kommen sollten. Go West! – diese Parole hallte noch nach, man hatte sie sich schon in Europa zugerufen. Der große Anfang, den nun die Neue Welt versprach, sollte die Demütigungen der alten Ordnung umso gründlicher vergessen machen. Die «Würde der Könige und Amtsgewänder», so verkündete feierlich der Erzähler in Herman Melvilles «Moby Dick», schien überwunden durch «den gerechten Geist der Brüderlichkeit, der du einen Königsmantel des Menschentums über alle meiner Gattung deckst.» Wo alle Menschen Brüder und Könige zugleich waren, hatten elterliche Autoritäten abgedankt, die Ahnentafel lag in Trümmern. An ihre Stelle trat das Land selbst: die unermesslichen Ebenen samt Büffeln und Indianern, die schroffen Rocky Mountains und endlich – in weiter Ferne – der Pazifik.
Amerikaner sind Naturkinder. Zwar hatte die Besiedlungsgeschichte des Landes in Wahrheit kaum mit den edelmütigen Westmännern zu tun, von deren Abenteuern seit 1850 die Groschenromane erzählten. Die historischen Fakten zeugen eher vom Treiben gescheiterter Existenzen in den Goldminen, von kriminellen Geschäftemachern und vom Genozid an der indianischen Urbevölkerung. Den Mythos von der Geburt der amerikanischen Nation durch die Natur konnten solche Realitäten aber kaum beschädigen. So besang Frederick Jackson Turner, ansonsten ein ernsthafter Historiker, den Mechanismus Frontier noch 1893 als rite de passage: «Die Wildnis unterwirft den Einwanderer. Sie findet ihn in seinem Denken und seiner Kultur als Europäer vor. Sie zerrt ihn aus dem Eisenbahnwagen und setzt ihn in ein Birkenkanu. Sie reißt ihm die zivilisierte Kleidung vom Leib und steckt ihn in Jagdhemd und Mokassins. Sie versetzt ihn in ein Blockhaus der Cherokee oder Irokesen und zieht einen indianischen Palisadenzaun herum. Zwar wird der Einwanderer diese Wildheit allmählich wieder abstreifen, aber er ist von nun an kein Mensch des Alten Europa mehr. Er ist etwas tatsächlich Neues: ein Amerikaner.» Auf die letzte Wendung kommt es an. Am Ende des Transformationsprozesses, durch den der Amerikaner zum Neuen Menschen wird, streift er die Wildnis ab und sieht seinem Urahnen aus der Alten Welt wieder zum Verwechseln ähnlich.

Kein Herz für den Gondoliere

Gilt das auch für den Erfinder von Tom Sawyer und Huckleberry Finn? Fotografien zeigen einen Mann im stets tadellosen Dreiteiler, darunter ein gestärktes Hemd mit Fliege oder Krawatte. Seine Frisur erinnert auf manchen Aufnahmen an den Struwwelpeter, den er ins Englische übersetzte, und auch der mit zunehmendem Alter immer üppigere Schnurrbart ist nicht nach wilhelminischer Mode gezwirbelt – die Weltläufigkeit von Samuel Langhorne Clemens steht aber dem Augenschein nach außer Zweifel. Mark Twain? Ein Künstlername. Dieser Begriff stammt aus der Seemannssprache und bedeutet «Zwei Faden», also eine Wassertiefe von drei Meter siebzig. Nicht nur, dass Twain seine berühmtesten Bücher mit Onkeln und Tanten bevölkerte und mit elternlosen Kindern, die sich ihren Weg in die Welt wie streunende Katzen allein bahnen. Auch er selbst wollte nicht mehr auf den Namen des Vaters hören, den er mit elf Jahren verlor – der Mississippi, auf dem Twain in jungen Jahren als Steuermann arbeitete, ist die Naturgewalt, die ihn als Schriftsteller zur Welt brachte. So trägt er die Frontier mit sich, wohin er auch kommt.
Noch das harmloseste Touristenvergnügen spitzt sich da schnell zum Überlebenskampf zu: Scheinbar zum Äußersten entschlossen, ruft Twain einen venezianischen Gondoliere zur Ordnung, der soeben ein Lied angestimmt hatte: «Hör mal her, Rodrigo Gonzales Michelangelo, ich bin ein Pilger, und ich bin ein Fremder, aber ich bin nicht gewillt, meine Gefühle von einem solchen Gejaule zerfleischen zu lassen. Wenn das nicht aufhört, muss einer von uns ins Wasser.» Dass sich der Autor auf seinen mehrjährigen Touren durch Europa und schließlich auch Australien, Indien und Südafrika tatsächlich so breitbeinig aufführte, ist unwahrscheinlich, seine Reisebücher sind voller satirischer Zuspitzungen. Und doch: Wie sehr er sich als Amerikaner begriff und dazu die herkömmlichen Bilder des Wilden Westens bemühte, zeigt spätestens der 1871 erschienene autobiografische Roman: «Roughing It». Hier geht es um die Zeit, in der der damals 25-Jährige in der Wildwest-Stadt Carson City gestrandet war, um sein Glück als Silberschürfer zu versuchen.  Pony-Express-Reiter kommen vor und Indianer auf dem Kriegspfad, wobei die Grenze zwischen historischen Fakten und Lagerfeuer-Romantik fließend verläuft. Dieser Heimatroman diente amerikanischen Patrioten noch hundert Jahre später zur Erbauung: Als die Astronauten des Gemini-VII-Flugs das Buch auf ihrer zweiwöchigen Erdumrundung lasen, hatte sich die Frontier schon in die Weiten des Alls verschoben.
Auch wenn die räumlichen Koordinaten zu Twains Lebzeiten noch andere waren: Die moving frontier, also das Prinzip einer sich permanent von Ost nach West ausdehnenden Nation, stieß schon im 19. Jahrhundert an die natürliche Grenze des Pazifik: Durch den Goldrausch von 1849 wurde San Francisco über Nacht zur Großstadt, zwanzig Jahre später war die transkontinentale Eisenbahn vollendet, und der Wilde Westen des Groschenromans erschien endgültig als Ammenmärchen.

Ein Royal Flush wie keiner zuvor

Herman Melville reagierte darauf, indem er ein Walfangschiff um sieben Weltmeere schickte, Mark Twain schrieb an einen Zirkusdirektor: «Sehr geehrter Herr Cody, mit dem größten Genuss habe ich Ihre Wild-West-Show an zwei aufeinander folgenden Tagen gesehen. Sie führt sehr lebendig das wilde Leben in der großen Ebene und in den Rocky Mountains vor Augen. Das hat mich gerührt wie ein altes Kriegslied. Cowboys, Vaqueros, Indianer, die Postkutsche, die Kostüme und alles andere – die Show ist bis ins Detail authentisch und frei von Heuchelei und Falschheit. (...) In Übersee heißt es oft, dass keine der Shows, die wir nach England schicken, wirklich und unverwechselbar amerikanisch sei. Wenn aber Sie die Wild West Show nach Europa bringen, können Sie diesem Gerücht entgegentreten. Ganz der Ihre, Mark Twain.»
Genauso kam es auch. William Frederick Cody, besser bekannt als Buffalo Bill, brach am 31. März 1887 in die Alte Welt auf. An Bord der State of Nebraska befanden sich 218 Passagiere, darunter 97 Indianer. Außerdem 180 Pferde, 18 Büffel, zehn Maultiere, zehn Elche, fünf wilde Texas-Stiere, vier Esel und zwei Hirsche. Buffalo Bills Wild-West-Show, die den Bundesstaat Nebraska auf der Londoner Weltausstellung repräsentieren sollte, wurde zu einem amerikanischen Triumphzug. Zum ersten Mal überhaupt verließ Queen Victoria höfisches Gelände, um einer Vergnügungsveranstaltung beizuwohnen, und verneigte sich vor dem Sternenbanner, das zu Beginn der Show aufgezogen wurde. Das hatte seit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung noch kein britisches Staatsoberhaupt getan. Schließlich entstand ein denkwürdiges Foto: Cody, alias Buffalo Bill, präsentierte die durch einen blutigen Indianerüberfall zur Wildwest-Legende gewordene Postkutsche von Deadwood, in der das Königspaar von Belgien, die Könige von Dänemark und Sachsen und der Prinz von Wales Platz genommen hatten. Und triumphierte danach: «Vier Könige und der Prinz von Wales, das ist ein Royal Flush, wie ihn noch niemand auf der Hand gehalten hat.»
Die Monarchie als Pokerspiel! Lässt sich eine schlimmere Demütigung vorstellen? Die Zeitungen in Übersee bejubelten Buffalo Bill als Eroberer der Alten Welt. Und Mark Twain? Er schrieb seinen aberwitzigsten und vielleicht politischsten Roman, denn dieser Text behauptet pamphletartig die Überlegenheit der Neuen Welt über die Alte. «Ein Yankee an König Artus’ Hof» erschien 1889, also zwei Jahre, nachdem Codys Wild-West-Truppe das höfische London in Aufregung versetzt hatte. Dieses Mal kommt zur Ozeanüberquerung eine Zeitreise hinzu: Hank Morgan, ein Angestellter der Waffenfirma Colt, erleidet durch eine Schlägerei eine Kopfverletzung und erwacht danach auf phantastische Weise im England des sechsten Jahrhunderts.

Ritter des Westens

Die Szenerie und das Personal sind einer amerikanischen Leserschaft schon aus Walter Scotts Historienromanen vertraut: Hier herrschen die Ritter der Tafelrunde und bilden eine durchweg rückständige Gesellschaft. Sklaverei, Steuer- und Erbrecht und andere Ungerechtigkeiten – Morgan nimmt dagegen den Kampf auf, seine Mission ist die Demokratisierung der höfischen Gesellschaft. Als Einzelkämpfer hat der Zeitreisende aber einen Wissensvorsprung auf seiner Seite. Als es der Zauberer Merlin auch nach wochenlanger Geisterbeschwörung nicht schafft, eine vertrocknete heilige Quelle wieder zum Fließen zu bringen, gelingt Morgan das Wunder, weil er sich in der profanen Kunst des Brunnenbaus auskennt. Durch astronomische Berechnungen sagt er eine Sonnenfinsternis voraus, was ihn in den Rang eines Propheten versetzt. Dieser ehemalige Waffenschmied wird nach und nach einer der wichtigsten Männer des Landes; er steigt zum Minister auf und untermauert seine Macht durch immer kompliziertere Zukunftstechnologien, darunter Telegraph und Telefon, Grammophon, Schreib- und Nähmaschine, Dampfkriegsschiffe und die Eisenbahn.
Die größte Wirkung aber entfalten ur-amerikanische Kulturtechniken. Von seinem Erzfeind Sir Sagramor zum Reiter-Duell gefordert, reißt Morgan den mit angelegter Lanze bewehrten Artusritter kurzerhand durch einen Lassowurf vom Pferd. «Die Leute dort», berichtet er, «hatten dieses Cowboykunststück noch nie gesehen und gerieten vor Entzücken ganz außer sich.» In der zweiten Runde noch so ein Wildwest-Trick: «Ich bewegte mich nicht einen Zoll breit vom Fleck, bis die herandonnernde Gestalt nur noch fünfzehn Schritte weit von mir entfernt war; dann riss ich einen Dragonerrevolver aus dem Halfter, bevor noch jemand sagen konnte, was geschehen war. Hier jagte ein reiterloses Pferd vorbei, und dort lag Sir Sagramor, mausetot. (...) Das fahrende Rittertum war nun dem Untergang geweiht. Der Vormarsch der Zivilisation hatte begonnen.» William Cody, in dessen Show Kunstschützen und Lassowerfer die Hauptattraktionen waren, dürfte solche Abenteuerliteratur gefallen haben. Auf den Plakaten zu seiner Show bezeichnete er sich zuweilen als «Knight of the West», Ritter des Westens, aber damit war etwas Neues gemeint: Amerika reklamierte den symbolischen Sieg über die Alte Welt: Erst der Königsmord, dann die Einverleibung.
Ist Mark Twain ein Kinderbuchautor? In gramvoller Erinnerung an die verstorbene Lieblingstochter Susy bringt er zuletzt ein junges Mädchen mit einem sehr berühmten Pferd zusammen. «Cathy und das Pferd von Buffalo Bill» von 1905 ist einer der letzten literarischen Texte Twains, als Ich-Erzähler tritt das Pferd in Erscheinung: «Buffalo Bill», so berichtet es, «hat mich fast alles gelehrt, was ich kann, meine Mutter aber auch recht viel, und den Rest habe ich mir selbst beigebracht. Legen Sie mir eine Reihe mit Moccasins vor die Nüstern, egal ob von Pawnees, Sioux, Shoshonen, Cheyenne oder Blackfeet, von so vielen Stämmen wie Sie mögen – ich kann Ihnen jeden einzelnen Stamm bestimmen, nur an der Art der Moccasins. Und zwar in Pferdesprache. In Amerikanisch aber auch. Wenn ich sprechen könnte.» Ja, wenn es sprechen könnte –  Mark Twain ist ein Autor für Kinder. Weil Amerikaner Naturkinder sind.

 

Mit freundlicher Genehmigung von Literaturen.

Quelle: Literaturen, Heft 3/2010