Ein Wort zur Neuübersetzung von "Tom Sawyer & Huckleberry Finn"
Von Andreas Nohl
Ich freue mich sehr, dass Deutschlandradio Kultur meine Neuübersetzung von Tom Sawyer & Huckleberry Finn zum Anlass genommen hat, ein Hörspiel zu produzieren. Ich war – wie die meisten – zwölf Jahre alt, als ich die Romanklassiker von Mark Twain las, und zum Leidwesen von Schule und Eltern trieb ich mich mit Freunden lieber im Wald herum, als brav zu Hause zu lernen. Twains Bücher entsprachen ganz und gar meinem Freiheitsbedürfnis, und ich verehrte ihn als nahezu den einzigen Erwachsenen, der meine innerste Sehnsucht verstand. Da dies aber offenbar damit zusammenhing, dass er Schriftsteller war, so ergab sich daraus mit zwingender Konsequenz, dass ich selbst Schriftsteller werden wollte. Dass ich nun, gute dreißig Jahre später, diese beiden Grundbücher der Weltliteratur neu übersetzen durfte, damit schloss sich für mich ein Kreis.
Zur neuen Übersetzung: Sie orientiert sich an den literarischen Kriterien, die Mark Twain selbst formuliert hat: Er fordert einen "einfachen und schlichten Stil", "Folgerichtigkeit", "überzeugende Dialoge", "Glaubwürdigkeit" aller Szenen sowie die Vermeidung von "Gekünsteltem". Vor allem ging es mir darum, dass die Dialoge – ohne sich an einen modischen Jugendjargon anzulehnen – lebendig und natürlich klingen. Da die Dialoge einen der Hauptreize der Romane ausmachen, dürfte dies auch dem Hörspiel zugute kommen. Ebenso wichtig war es mir, die Twain’sche Intention zu bewahren, dass die Romane sowohl von Erwachsenen wie von Jugendlichen gelesen –und nun auch "gehört"– werden können.
Die Romane sind stilistisch denkbar unterschiedlich: In Tom Sawyer erzählt Mark Twain mit allen Machtbefugnissen des auktorialen Erzählers: Allwissenheit, Perspektivsprünge, Kommentare, Parodie und Persiflage vorhandener Literatur etc. In Huckleberry Finn dagegen schlüpft Twain in die Rolle des fiktiven Ich-Erzählers Huck und legt sich damit auf einen einzigen Stil und eine einzige Perspektive fest. In der vorliegenden Übersetzung gibt es daher mehrere Sprach- und Sprechebenen: die Erzählebene des Autors Mark Twain, die Schreibebene von Huckleberry Finn, die nicht mündlich – als wäre der Text diktiert –, sondern nur kolloquial ist. Die Sprechebene der Kinder, auch die von Huckleberry, mit den üblichen Abschleifungen in der mündlichen Rede. Die Sprechebene von "Nigger" Jim, die sich nicht nur durch noch weitergehende Abschleifungen, sondern auch durch eine charakteristische Ausdrucksweise auszeichnet. Die primitive Sprechebene weißer Erwachsener (der Vater, die Räuber auf dem Schiff etc.), die elaborierte/hochdeutsche Sprechebene eher gebildeter weißer Erwachsener (der Richter, die Grangerfords etc.). In diesen Ebenen spiegelt sich das soziale Gefälle der Personen. Grundsätzlich wurde darauf verzichtet, den Slang des Ich-Erzählers und der sprechenden Personen in einem künstlichen deutschen Slang oder in einem Dialekt abzubilden. Darin unterscheidet sich die neue Übersetzung grundlegend von den bisherigen Übersetzungen.
Bei den zahlreichen Verballhornungen, die es bei Huckleberry Finn gibt – und für die sich James Joyce sehr interessierte –, wurden die Veränderungen nur repliziert, sofern sie im Deutschen sinnfällig und nachbildbar waren. Ansonsten haben sich einzelne Zuspitzungen angeboten, wo ein im Sinne Twains tatsächliches "humoristisches Surplus" heraussprang.
Wie all das im Hörspiel umgesetzt ist, wird sehr spannend zu hören sein!
Andreas Nohl, Jahrgang 1954, studierte Amerikanistik und Philosophie in Frankfurt, Berlin und San Francisco. Er ist freier Schriftsteller und Herausgeber der ersten vollständigen Ausgabe der "Tagebücher von Adam und Eva" von Mark Twain und hat jetzt "Tom Sawyer & Huckleberry Finn" neu übersetzt.
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Andreas Nohl über Mark Twain und sein Hauptwerk. Mehr...





